Kinder, Kindheit, Kindheiten


Nach Definition der UN-Kinderrechtskonvention ist jeder Mensch unter 18 Jahren ein Kind. Demnach gibt es über 2 Milliarden Kinder weltweit. Unsere Sichtweise auf Kindheit, unsere Einstellungen zu kindlichen Bedürfnissen und unser Umgang mit Kindern werden von vielen kulturellen, familiären, religiösen, und biografisch bedingten Bildern von Kindheit beeinflusst. Die Wirkmächtigkeit von Rollenbildern wird in der öffentlichen und politischen Diskussion nur gelegentlich aufgegriffen, wir hier bei KindgeRECHT werden sie immer wieder thematisieren. Rollenbilder basieren auf den Gesellschaftsvorstellungen dominanter Gruppen, beschränken die freie Entfaltung der Persönlichkeit Anderer und erschaffen und erhalten ein künstliches Machtungleichgewicht in der Gesellschaft. Rollenbilder verändern sich mit dem Wandel, den die Gesellschaft vollzieht. Und so ist es auch mit Kindheit. Ein Blick in die europäische Geschichte kann hier einen kleinen Eindruck vermitteln.


Kindheit im Wandel

1962 analysiert Philippe Ariès in seinem Buch „Geschichte der Kindheit“ die Darstellung von Kindern in der mittelalterlichen Kunst und Literatur. Er schlussfolgerte, dass im Mittelalter kein klares Bewusstsein von Kindheit bestanden habe. Kinder seien übergangslos Teil der Gesellschaft der Erwachsenen geworden, sobald sie der ständigen Pflege der Erwachsenen nicht mehr bedurften. Aries begründete dies mit der hohen Kindersterblichkeit, durch welche die (elterlichen) Bezugspersonen des Kindes erst dann eine emotionale Beziehung zu dem Kind aufzubauen begannen, wenn das Überleben des Kindes gesichert war. Zudem kam Kindern ein höherer ökonomischer als sentimentaler Wert zu, da auf ihre Arbeitskraft nicht verzichtet werden konnte. Mit dem Aufbringen von Arbeitskraft wurde Kindern Selbstständigkeit zugesprochen. (Woodhead, M., Montgomery, H., 2003, S. 55 f)

Das Bild des Kindes veränderte sich im Laufe der Jahrhunderte. Insbesondere die Beziehung von Eltern und Kindern und die kindlichen Kompetenzen und Fähigkeiten standen im Mittelpunkt dieser Betrachtungen. Kinder wurden in der Regel als „becomings“, also unfertige Erwachsene verstanden.

Thomas Hobbes ging davon aus, dass alle Menschen, und damit auch Kinder, von Natur aus böse seien und deshalb strenger Regeln und Kontrolle durch einen Machthaber- bei Kindern die Eltern - bedürften. Andernfalls entstünde  ein rechtsfreier Raum, welcher einen Krieg aller gegen alle zur Folge hätte. (Woodhead, M., Montgomery, H., 2003, S. 63)

Dagegen war John Locke der Überzeugung, dass Kinder bei ihrer Geburt weder gut noch schlecht, sondern gleich einer leeren Tafel (lat. „tabula rasa“) seien. Kinder hätten spezifische Bedürfnisse, die zu berücksichtigen seien. Als Produkt der elterlichen Erziehung könnten Kinder durch die richtige Erziehung, Bildung, Erfahrung und Umgebung zum Guten herangezogen werden. (Woodhead, M., Montgomery, H., 2003, S. 64)

In seinem Werk „Emile“ vermittelt Jean-Jacques Rousseau 1762 ein Kinderbild, nach dem Kinder unschuldig, verletzlich und natürlich zur Welt kämen und erst durch die Erziehung/Beeinflussung der Erwachsenen zum Bösen heranwachsen würden. Nach Rousseau durchlaufen Kinder besondere Entwicklungsstufen,  ihrer Natur komme dabei stets ein eigener Wert zu. Kindern solle Freiheit und eine Verbindung zur Natur zugestanden und in der Erziehung und Bildung die Entwicklung und der Fortschritt von Kindern berücksichtigt werden. (Taylor, 2011, S.  422; Woodhead, M., Montgomery, H., 2003, S. 66)

Der Wert von Kindern wandelte sich mit der Zeit von einem ökonomischen zu einem emotionalen. Ein wesentlicher Faktor dafür war, dass sich Ende des 19./ Anfang des 20. Jahrhunderts das Wohlfahrtsstaatssystem und die professionalisierte Erziehung durch verstärkte Beschulung von Kindern entwickelte und zu verbesserten Lebensbedingungen für Kinder und Familien führte. (Kränzl-Nagl, 2007, S. 11) Gesetze, wie die Schulpflicht, basierten auf dem Grundgedanken der Schutzbedürftigkeit von Kindern. (Woodhead, M., Montgomery, H., 2003, S. 66)

Aus dem „Elternrecht auf das Kind [entwickelte sich] die Elternverantwortung für das Kind und seine Entwicklung“ (Surall, 2009, S. 252)

1900 veröffentlichte die schwedische Pädagogin und Feministin Ellen Key ihr Werk „Das Jahrhundert des Kindes“. Key trat für die Rechte der Kinder ein und forderte, das einzelne Kind und seine Entwicklung in den Mittelpunkt der Erziehung zu stellen. Das Buch hatte eine Impulswirkung auf das gesellschaftliche Bild des Kindes hin zu einer kindzentrierten Pädagogik.

Die emotionale Nähe zwischen Eltern und Kindern verstärkte die Bedeutung der Familie und führte zu einer Abschirmung des Privatlebens nach außen. „Das Leitbild der bürgerlichen Kernfamilie“ setzte sich durch und das Eltern-Kind Verhältnis entwickelte sich insbesondere in den 1960er und 1970er Jahren von der „Erziehung hin zur Beziehung“. Die Machtverhältnisse zwischen Kindern und Eltern blieben jedoch weitgehend unberührt. . (Kränzl-Nagl, 2007, S. 16)

Kinderrechte wurden erstmals in der Genfer Konvention von 1924 erwähnt. In der 1959 von der UN-Vollversammlung verabschiedeten „Erklärung der Rechte des Kindes“ wurden Kinder erstmals als eigenständige Rechtsträger bezeichnet, auch wenn die Erklärung nicht verbindlich war. (Ivantis, 2016, S. 8) In den 1990er Jahren erfuhren Kinder durch die Verstärkung der Partizipationsrechte eine Aufwertung zu vollwertigen Rechtssubjekten. Diese Entwicklung ist nicht zuletzt auf die am 20. November 1989 durch die UN-Generalversammlung verabschiedete und 1992 durch Deutschland ratifizierte UN-Kinderrechtskonvention (UN-KRK) zurückzuführen.


Kindheit als soziales Konstrukt

  • Kindheit hängt (auch) vom Auge des Betrachtenden ab
  • Kindheit als ein sich stetig wandelndes soziales Konstrukt verstehen
  • je nach kultureller, gesellschaftlicher, politischer, etc. Umgebung, Generationen, etc. veränderbar/ verschieden
  • Kinderrechte sind eng mit dem Verständnis von Kindheit verbunden

Wie wir nach diesem kurzen Überblick sehen können, hängt Kindheit auch vom Auge der Betrachtenden ab. Kindheit ist ein sich ständig wandelndes soziales Konstrukt. Genauso wie Männer und Männlichkeit und Frauen und Weiblichkeit sind auch Kinder und Kindheit letztlich Zuschreibungen, die von Menschenhand in und durch die Gesellschaft erschaffen und reproduziert werden und keine naturgegebene Eigenschaften. Je nach kultureller, gesellschaftlicher,  politischer, ökonomischer, etc. Umgebung, je nach Generation, je nach aktuellem Umbruch und Wandel verändern sich diese Zuschreibungen und damit auch das Verständnis von und der Umgang mit Kindern und Kindheit. Dies wiederrum hatte und hat erhebliche Auswirkungen auf die Entstehung, Interpretation und Umsetzung von Kinderrechten.


Kindheit oder Kindheiten?

Und apropos Kinderrechte. Das gibt es noch einen weiteren spannenden Punkt: Ist euch schon mal aufgefallen, dass die meisten Menschen, wenn sie über die Zeiten des Kindseins reden, von Kindheit sprechen? Kindheit. Singular. Oder besser: Kollektivsingular, denn durch die Wahl der Einzahl werden alle sozialen und kulturellen Unterschiede im gemeinsamen Nenner vermeintlich universeller biologischer Reifungsprozesse und psychologischer Entwicklungsgesetze unsichtbar. Erst seit der 1970er Jahren setzt sich die Wissenschaft kritisch mit dieser Vorstellung auseinander und honoriert die individuellen Unterschiede zwischen Kindern, ihren Lebenswirklichkeiten und der Auswirkung ihrer Umwelten auf sie. Wir sprechen deshalb von Kindheiten. Plural. Weil jedes Kind zählt.


Nach Definition der UN-Kinderrechtskonvention ist jeder Mensch unter 18 Jahren ein Kind.
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