Adultismus! Adul-was?


Das verstehst du noch nicht.

Das wird so gemacht, weil ich es sage.

Du musst das jetzt lernen, damit später mal was aus dir wird.

Es gibt Sätze und Situationen in unseren Kindheiten, an die wir uns mit einem unguten Gefühl erinnern, aus heutiger Perspektive halten wir sie aber für normal und nicht so schlimm, weil es ja alle so erlebt haben und weil aus uns ja trotzdem oder gerade deshalb was geworden ist. Erwischen sich Eltern dabei, dass sie ehemals ungeliebte Sätze aus ihrer Kindheit plötzlich selbst gegenüber ihren Kindern benutzen, ist das oft ein komisches Gefühl. Die einfachste Lösung ist dann auch hier: dann kann es ja doch nicht so schlecht gewesen sein. Das schlechte Gefühl des Kindheits-Ichs wird ersetzt durch einen vermeintlich sachlicheren, erwachsenen Blickwinkel.

Bei diesem Phänomen handelt es sich um den sogenannten Adultismus. Das Wort leitet sich ab vom englischen adult, also Erwachsene*r und dem suffix: -ismus ab, was so viel wie Glaube/Überzeugung bedeutet. Ihr kennt das von Buddhismus, Kapitalismus, Faschismus, etc.  Das Suffix wird aber auch eingesetzt, um sozial konstruierte Machtsysteme zu beschreiben, also künstlich erschaffene Vorstellungen davon, dass eine bestimmte Gruppe einer anderen überlegen wäre und sobald die vermeintlich Überlegene an der Macht ist, richtet sie die gesellschaftlichen Strukturen und Elemente nach dieser Ideologie aus. Bekannte Beispiele sind Rassismus oder Sexismus.

Beim Adultismus geht es um die Diskriminierung junger Menschen aufgrund ihres Alters durch Erwachsene.  Das ist nicht zu verwechseln mit ageism, was jegliche Form von Altersdiskriminierung meint. Beim Adultismus geht es um zwei klar definierte Gruppen: Erwachsene und junge Menschen bzw. Kinder. Zwischen diesen beiden Gruppen besteht ideologisch wie tatsächlich ein Machtungleichgewicht und zwar sind die Erwachsenen die vermeintlich überlegene Gruppe und die Kinder die vermeintlich unterlegene Gruppe. Beiden Gruppen werden dabei Eigenschaften zugeschrieben. So gelten Kinder zum Beispiel als schwächer, weniger schlau, weniger verständig, wilder oder emotionsgetriebener als Erwachsene. Ich betone: ALS Erwachsene. Es geht um einen Vergleich. Ähnlich wie sich bei binären Geschlechtervorstellungen zwei Gruppen gegenüber stehen- männlich und weiblich-, die Gegenteile sein und sich in diese Unterschiedlichkeiten ergänzen sollen, so soll es auch mit Kindern und Erwachsenen sein. Erwachsenen werden also im Vergleich zur Vergleichsgruppe Kinder Eigenschaften zugeschrieben wie intelligenter, reifer, fähiger, etc.

Aus diesen zugeschriebenen Eigenschaften ergeben sich auch Folgen und zwar kommt Erwachsenen wegen dieser vermeintlichen Eigenschaften ein höherer Status zu und Kindern oder jungen Menschen kommt aufgrund dieser Zuschreibungen ein niedrigerer Status zu. Das erscheint zunächst auch logisch, denn die Kompetentesten soll möglichst Entscheidungen treffen, erhalten deshalb die Macht dazu und auf dieser Macht beruht ihr Status.

Aber stimmt das so? Haben Erwachsene wirklich von Allem mehr Ahnung und können alles besser? In der Regel, ja - aber eben nicht, weil sie grundsätzlich in allem besser sind als Kinder, sondern, weil wir in einer Welt leben, die von Erwachsenen für Erwachsene gemacht ist.  Ein Beispiel: Kinder haben kein Geld, können nirgends allein hin und können politisch nicht mitbestimmen. Aber nicht, weil sie dazu zumindest ab einem bestimmten Reifegrad und auf vielfältige Art und Weise nicht in der Lage wären, sondern weil Erwachsene in ihrer Erwachsenen Welt Regeln gemacht haben, die Kindern verbieten, zu arbeiten, Auto zu fahren oder zu wählen. Noch ein Beispiel: Erwachsene sind stärker als Kinder, schneller und verstehen Zusammenhänge besser. Stimmt in vielen Fällen. Aber zum einen liegt das mit dem Verstehen der Zusammenhänge oft daran, dass wir Erwachsenen Kindern die Dinge nicht erklären, erklären wollen oder erklären können. Das kann gute Gründe haben, zum Beispiel Kinder schützen zu wollen, ist aber oft nicht sehr differenziert. Oder wir haben zu hohe, sogar unerfüllbare Anforderungen an Kinder, um sie zu beteiligen.

In einer Welt von Erwachsenen für Erwachsene stehen deren Bedürfnisse und Interessen im Mittelpunkt, die Welt ist also so eingerichtet, dass sie zu Erwachsenen passt. Dabei können die Interessen und Bedürfnisse von Kindern – beabsichtigt oder unbeabsichtigt- schnell mal untergehen. Und hier kommen die Kinderrechte, zum Beispiel die aus der UN-Kinderrechtskonvention ins Spiel. Sie sollen einen Ausgleich zu diesem Ungleichgewicht schaffen. Lest mehr zu den Kinderrechten aus der UN-Kinderrechtskonvention Blogbeitrag verlinken in unserem Blogbeitrag. In der UN-kinderrechtskonvention steht zum Beispiel, dass Kinder nicht diskriminiert werden dürfen (Artikel 2 UN-KRK) Trotzdem erlebt jedes Kind Adultismus als erste Diskriminierungsform des Lebens. Jede*r wächst aber auch aus dieser Erfahrung heraus. Als Erwachsene*r erhält jede*r von uns erwachsene Macht und neue Zuschreibungen. Diese Privilegien sollen uns, gerade mit dem Wissen, wie ungut sich Unterlegenheit anfühlt, erhalten bleiben. Deshalb und weil sie es so gelernt haben, setzten Erwachsene dann Macht gegenüber Kindern ein.

Aus Perspektive der Kinder erleben junge Menschen durch Adultismus Machtlosigkeit. Das prägt sich so tief ein, dass wir Adultismus für normal und natürlich halten, obwohl es doch eigentlich von uns selbst geschaffen und dauerhaft reproduziert wird. Für Kinder hat das viele Folgen. Zum Beispiel die Beeinträchtigung der Persönlichkeitsentwicklung, indem sie erfahren: „Ich bin weniger wert.“, „ich kann das nicht“, ich verstehe das nicht, nicht muss warten bis ich groß bin, ich darf erst mitreden, wenn ich groß bin. Viel von ihrem Lebens wird damit erst in die Zukunft geschoben, das Jetzt zählt nicht so viel. Die Kindheitswissenschaften sprechen davon, dass das Kind als becoming behandelt wird, also als werdend. Kinder müssen erst noch zu jemanden heranwachsen, bevor sie „vollständige Menschen“ sind.


Manche von euch werden das alles jetzt vielleicht übertrieben finden und viele auch fragen:

Aber gibt es nicht Unterschiede zwischen Erwachsenen und Kindern und brauchen Kinder nicht unseren Schutz?

Ja, na klar ist das so. Und das bestreitet auch niemand in der Adultismusforschung. Adultismus zu kritisieren, bedeutet nicht, Regellosigkeit zu fordern. Es geht um einen anderen Punkt, nämlich darum, dass Kinder wegen der Unterschiede zu Erwachsenen nicht als minderwertig verstanden werden dürfen, sondern einfach als anders. Adultismus ist oft wohlwollend gemeint und es ist wichtig, Kinder zu unterstützen und zu schützen. Die Adultismusforschung will hier nur die Grenzen von Schutz bewusst machen. Diese ist nämlich erreicht, wenn ein mögliches „Weniger“ an Erfahrung/ Kompetenz benutzt wird, um Abhängigkeit künstlich zu verlängern und Freiheiten zu begrenzen. Sich mit Adultismus zu beschäftigen heißt vor allem, sich selbst kritisch zu betrachten, eigene Biografieerfahrungen genauer anzuschauen und die gesellschaftlichen Machtbeziehungen zwischen Kindern und Erwachsenen zu verstehen.

Es geht also letztlich darum, Kindern auf Augenhöhe zu begegnen, sie Ernst zu nehmen, ihnen Gelegenheit zur Teilhabe zu geben, ehrlich zu sein und sie nicht nur aus der Zukunftsperspektive zu sehen. Sie und ihre Bedürfnisse sind jetzt schon wichtig und wollen wahrgenommen werden.

 

 

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