Bildungserfolg von sozialer Herkunft entkoppeln!


Die Deutsche Kinderhilfe – Die ständige Kindervertretung e. V. setzt sich seit Jahren, zum Beispiel mit ihrem Projekt „Bildung für ALLE“, für ein gerechtes Bildungssystem in Deutschland ein, das allen Kindern gleichermaßen Chancen auf eine gute Bildung ermöglicht – und das von Anfang an. Denn in Bezug auf Bildung ist das Gerechtigkeitsproblem hierzulande nach wie vor gravierend und erfordert dringend eine Lösung. Mehr als in vielen anderen OECD-Staaten hängt in Deutschland der Bildungserfolg der Kinder stark vom Geldbeutel, Bildungsstand und Wohnort der Eltern ab. Das bildungspolitische Ziel ist somit klar definiert: Der Bildungserfolg und die soziale Herkunft MÜSSEN entkoppelt werden. Das bedeutet aber auch, dass die Situation von Familien in sozial schwierigen Lebenslagen verbessert werden muss, um einer möglichen bildungsbezogenen Benachteiligung der Kinder wirksam zu begegnen. Bildungs- und Sozialpolitik sollten somit wirksam verzahnt werden.

Kinder aus Familien mit Migrationshintergrund, aus kinderreichen Familien sowie von Alleinerziehenden sind besonders häufig von bildungsbezogenen Risikolagen betroffen. Sie wachsen überdurchschnittlich oft unter den Bedingungen der Armutsgefährdung auf.


Von Anfang an und häufiger benachteiligt: Kinder von Alleinerziehenden und Familien mit Migrationshintergrund geraten schneller in prekäre Lebenslagen. (Quelle: Bildungsbericht „Bildung in Deutschland 2020“, S. 46)

Darüber hinaus lassen sich drei strukturelle Merkmale festlegen, aus denen sich mögliche Risikolagen für den Bildungserfolg der Kinder ergeben:

  1. formal gering qualifiziertes Elternhaus/niedriger Bildungsstand
  2. soziale Risikolage/Erwerbslosigkeit der Eltern
  3. finanzielle Risikolage/geringes Familieneinkommen

Diesbezüglich lebte im Jahr 2018 in Deutschland etwa jedes dritte Kind unter 18 Jahren in einer dieser Risikolagen, 4 % der Kinder sind sogar von allen drei Risikolagen betroffen, mit entsprechenden negativen Folgen für ihre Bildungschancen.


Frühkindliche Bildung zahlt sich aus

Bei der Verbesserung der Chancengerechtigkeit kommt bereits der frühkindlichen Bildung eine immense Bedeutung zu, denn in Kitas mit qualitativ hochwertiger Bildung und Betreuung erlernen die Kinder Fähigkeiten, die für ihre späteren Entwicklungs-, Teilhabe- und Aufstiegschancen von besonderer Relevanz sind. Frühkindliche Bildungsmaßnahmen kommen vor allem Kindern aus benachteiligten Familien zugute, sie können einen erheblichen Mehrwert aus dem Kita-Besuch ziehen, nicht nur durch die Bildungsangebote als solche, sondern insbesondere auch durch die Interaktion mit Kindern aus bessergestellten Familien.

Doch bei der frühkindlichen Bildung bestehen in Deutschland gleich mehrere Probleme: Im Jahr 2020 fehlten mehr als 340.000 Betreuungsplätze für Kinder unter drei Jahren, weitere 225.000 Betreuungspersonen werden in nächster Zeit benötigt. Eine weitere Herausforderung liegt zudem darin, die frühkindliche Bildungsbeteiligung von Kindern aus Familien in prekären Lebenslagen zu erhöhen, denn gerade bei diesen Kindern, die am meisten davon profitieren könnten, ist eine unterdurchschnittliche Nutzung festzustellen. Dies liegt primär in den ungleichen Zugangschancen zu den verfügbaren U3-Plätzen begründet, weshalb ein bedarfs- und flächendeckender Ausbau von Kinderbetreuungsplätzen dringend erforderlich ist, selbstverständlich ohne dabei die Qualität außer Acht zu lassen.

Dass sich mehr Investitionen in die frühkindliche Bildung auch aus volkswirtschaftlicher Sicht lohnen, bestätigt beispielsweise Prof. Waldemar Stange: seinen Berechnungen zufolge bringt jeder Dollar, der in die frühkindliche Bildung investiert wird, der Gesellschaft das Vierfache an Rendite zurück, bei prekären Zielgruppen, z. B. Menschen mit Migrationshintergrund, liegt das Verhältnis sogar bei eins zu sieben. Langzeitstudien in den USA zufolge ist sogar das Vierzigfache an Rendite möglich. Nach Ansicht der Bertelsmann Stiftung lohnt sich jeder Euro, der in frühkindliche Bildungsangebote investiert wird, mehr als in JEDE andere Bildungsinvestition. Prof. Stange zufolge ist gerade bei der Verbesserung der Chancengerechtigkeit der Nutzen des Krippenbesuchs für benachteiligte Kinder noch deutlich größer als für den Durchschnitt. Gehen Kinder aus benachteiligten Familien in eine Krippe, so erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, dass sie später ein Gymnasium besuchen um 65 %, bei nicht benachteiligten Kindern liegt die Wahrscheinlichkeit hingegen bei 38 %.


Problem Selektionssystem

Im Hinblick auf die mangelnde Chancengerechtigkeit im deutschen Bildungssystem wird zudem häufig kritisiert, dass Schüler*innen hierzulande schon frühzeitig nach dem Ende der Grundschulzeit – und damit deutlich früher als im OECD-Durchschnitt – selektiert und auf verschiedene Schultypen verteilt werden. Nach Ansicht der OECD steigt jedoch der Einfluss des sozialen Hintergrunds auf den Bildungserfolg, je früher die Selektion erfolgt. Daher befürworten Expert*innen, Schüler*innen länger – bestenfalls bis zu einem Alter von 16 Jahren – gemeinsam zu unterrichten und lernen zu lassen. Kinder aus weniger privilegierten Schichten würden somit bessere Bildungschancen erhalten. Insgesamt führe dies sogar zu einem höheren Bildungssockel für ALLE sowie zu mehr Respekt füreinander.

Der flächendeckende Ausbau von Ganztagsschulen, der mit verbindlich festgelegten Qualitätskriterien einhergehen sollte, ist daher eine wichtige Maßnahme hin zu mehr Chancengerechtigkeit. Ein weiterer Vorteil des Ganztagsschulausbaus ist die damit verbundene steigende Erwerbstätigkeit der Mütter. Dadurch sinkt ihre Wahrscheinlichkeit später von Altersarmut betroffen zu sein.

Besonders positiv zu bewerten ist daher der im aktuellen Koalitionsvertrag vereinbarte Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung an Grundschulen, der ab dem Jahr 2025 gelten soll. Bis dieser Rechtsanspruch Wirklichkeit werden kann, ist es aber noch ein weiter Weg. Nicht nur, dass aktuell noch mehr als 1 Million Plätze fehlen, wieder einmal gibt es in unserem föderalen System Streit zwischen Bund und Ländern über die Finanzierung dieses Vorhabens. Eine schnelle Einigung ist jedoch gerade im Hinblick auf die Verbesserung der Chancengerechtigkeit in Deutschland dringend erforderlich. Dieses unverzichtbare Vorhaben darf nicht scheitern!


Brennglas Corona-Pandemie

Erfreulicherweise konnte Deutschland in den vergangenen Jahren bei der Verwirklichung der Bildungsgerechtigkeit einige Fortschritte erzielen. So stieg beispielsweise in den Jahren 2000 bis 2018 der Anteil junger Menschen aus Nichtakademikerfamilien, die einen Hochschulabschluss erwarben von 19 auf 30 %. Doch in der jüngsten PISA-Studie verdichtete sich erneut der Zusammenhang von sozioökonomischem Status der Kinder und ihrer nachgewiesenen Lesekompetenz. Zudem verließen wieder mehr Jugendliche mit Migrationshintergrund die Schule ohne Abschluss.

Durch die Corona-Pandemie dürfte sich die bestehende Bildungsungerechtigkeit nochmals zugespitzt haben, weshalb Corona auch mit einem Brennglas verglichen wird, das die bestehenden Probleme verschärfe. So hatten während der pandemiebedingten Schulschließungen Kinder aus sozial benachteiligten Familien häufiger keine entsprechenden digitalen Endgeräte und zuverlässige Internetzugänge, mit denen sie von zu Hause an den digitalen Lernangeboten der Lehrkräfte hätten teilnehmen können und sie erhielten weniger Unterstützung durch ihre Eltern. Diese Schüler*innen blieben somit während der Zeit der Schulschließungen „abgehängt“ und konnten weniger Lernzuwächse verzeichnen als Kinder aus bessergestellten Familien. Die Politik ist daher dringend gefordert, eine langfristig und nachhaltig angelegte Digitalisierungsstrategie, die insbesondere auch Kinder aus Familien in bildungsbezogenen Risikolagen stärker im Blick hat, auf den Weg zu bringen sowie hierzu verpflichtende Aus- und Fortbildungen für Lehrkräfte zu etablieren. (Ausführlichere Informationen zu diesem Thema finden Sie im Prüfstand „Digitalisierung“ ab Seite …)


Bildungspaket nachbessern!

Das deutsche Schulsystem kommt ohne privaten Nachhilfeunterricht nicht aus, fast zwei Drittel der Schüler*innen nutzen entsprechende Angebote. Somit boomt der Nachhilfemarkt hierzulande mehr als je zuvor. Doch des einen Freud ist des anderen Leid, denn schließlich ist dieser Boom ein Zeichen für das Versagen unseres Schulsystems. Und das Nachsehen in puncto Nachhilfe haben wiederum Kinder aus armen Familien, die sich außerschulische Lernförderung oftmals nicht leisten können. Hier versuchte die Deutsche Kinderhilfe – Die ständige Kindervertretung e. V. mit ihrem eingangs erwähnten und bereits prämierten Projekt „Bildung für ALLE“ eine Lücke zu schließen. Damit finanziert der Verein Kindern aus bedürftigen Familien, deren Anträge auf Lernförderung im Rahmen des Bildungs- und Teilhabepakets abgelehnt wurden, dennoch ihre benötigte Nachhilfe. Diesbezüglich lagen große Hoffnungen auf dem Jahr 2019, in welchem die Bundesregierung beabsichtigte, mit dem „Starke-Familien-Gesetz“ eine wirksame Maßnahme zur Bekämpfung der Kinderarmut in Deutschland auf den Weg zu bringen und in diesem Zuge auch die Regelung bei der Bewilligung von Lernförderung zugunsten benachteiligter Kinder zu verbessern. Doch die Hoffnungen wurden zerschlagen, als klar war, dass lediglich jene Schüler*innen Lernförderung erhalten sollten, deren Leistungen schlechter als „ausreichend“ sind. Da das Erreichen eines höheren Leistungsniveaus – wie schon zuvor – nur bei mangelhaftem Leistungsstand unterstützt wird, blieb mehr oder weniger alles beim Alten.

Wir fordern daher die Politik dringend dazu auf, das Bildungs- und Teilhabepaket endlich im Sinne der Chancengerechtigkeit nachzubessern und ALLEN Schüler*innen, die im staatlichen Hilfebezug sind, einen Rechtsanspruch auf Lernförderung einzuräumen – unabhängig vom individuellen Leistungsstand!


Individuelle Förderung statt Nachhilfe!

Langfristig betrachtet müssen Schule und Unterricht jedoch dazu in der Lage sein, JEDES Kind unabhängig von seiner sozialen Herkunft so individuell zu fördern, dass es sich begabungsgerecht entwickeln und seine Potentiale voll zur Entfaltung bringen kann. Privater, außerschulischer Nachhilfeunterricht oder teure außerschulische Unterstützungsmaßnahmen, z. B. bei einer bestehenden Legasthenie oder Dyskalkulie, die sich nicht alle Familie leisten können, sollten damit obsolet und mehr Chancengerechtigkeit gewährleistet sein. Diesbezüglich lohnt ein Blick in andere Länder wie z. B. Finnland, eine der besten Bildungsnationen der Welt. Das Land gibt in Relation zum Bruttoinlandsprodukt mehr Geld für Bildung aus als der OECD-Durchschnitt, wohingegen die deutschen Bildungsausgaben im Vergleich deutlich unter dem OECD-Durchschnitt liegen. Dafür kommen die Schüler*innen in Finnland auch fast völlig ohne Nachhilfe aus und Inklusion wird als Leitgedanke gelebt. Dies sollte sich Deutschland zum Vorbild nehmen.


Literatur:

Bildungsbericht „Bildung in Deutschland 2020“: Autorengruppe Bildungsberichterstattung (2020): Bildung in Deutschland 2020. Ein indikatorengestützter Bericht mit einer Analyse zu Bildung in einer digitalisierten Welt. Bielefeld

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Die Autorin:

Yade Lütz

Projektmanagerin bei der Deutschen Kinderhilfe – Die ständige Kindervertretung e. V.,

Diplom-Politologin

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