Das Recht auf Leben und Schutz vor Gewalt – Impulse für den Kinderschutz


Im Jahr 2019 wurde die UN-Kinderrechtskonvention 30 Jahre alt. Zentrales Anliegen der UN-KRK ist es, Kinder umfassend vor jeglicher Form von Gewalt zu schützen. Der Staat steht in der Verantwortung, geeignete Maßnahmen zu treffen, um Kindern ein gewaltfreies Aufwachsen und eine bestmögliche Entwicklung zu gewährleisten. Das Recht auf Schutz vor Gewaltanwendung steht dabei unmittelbar in Zusammenhang mit dem Recht auf Leben und Entwicklung eines Kindes. Denn jegliche Form von Gewalt, Vernachlässigung und Ausbeutung hat erhebliche Auswirkungen auf die geistige, körperliche und seelische Entwicklung eines Kindes.

Das Verhältnis der Gesellschaft zu Gewalt gegen Kinder hat sich in den letzten Jahren verändert. Dazu hat auch die UN-Kinderrechtskonvention beigetragen. Auf nationaler Ebene gibt es das Gesetz zur Ächtung von Gewalt in der Erziehung im Bürgerlichen Gesetzbuch seit dem Jahr 2000. Ferner werden gesetzliche Regelungen zum Schutz von Kindern stets weiterentwickelt, konkretisiert und optimiert. Die letzten wesentlichen Gesetzesänderungen traten mit dem Bundeskinderschutzgesetz (BKiSchG) im Jahr 2012 in Kraft, mit dem Ziel, durch Prävention, Intervention und einer Stärkung der Kooperation verschiedener Professionen, den Kinderschutz verlässlicher und wirksamer zu gestalten.

Trotz allem erleben Kinder tagtäglich Gewalt in unterschiedlicher Form. Gewalt geschieht vor allem da, wo Kinder sich sicher und geschützt fühlen – in Institutionen wie Kita und Schule, in Sportvereinen und Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe, überwiegend jedoch im familiären Nahraum.

Ein Blick auf die Zahlen

Die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) liefert jährlich die Zahlen kindlicher Gewaltopfer. Allerdings enthält diese nur die der Polizei bekannt gewordenen rechtswidrigen Straftaten und bildet daher das gesamte Ausmaß von Gewalt gegen Kinder nicht ab. Es ist davon auszugehen, dass die Dunkelziffer um ein vielfaches höher ist.

In den letzten zehn Jahren sind 1.443 Kinder gewaltsam zu Tode gekommen. Knapp 76 Prozent von ihnen waren zum Zeitpunkt des Todes jünger als sechs Jahre. Für den gleichen Zeitraum verzeichnet die PKS über 40.000 Kinder, die körperliche Gewalt erlebt haben. Auch im Bereich der sexuellen Gewalt gegen Kinder bleiben die Zahlen seit Jahren auf einem hohen Niveau. Allein im Jahr 2018 waren 14.606 Kinder von sexueller Gewalt betroffen. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) geht für Deutschland von einer Million betroffener Mädchen und Jungen aus, die sexuelle Gewalt erlebt haben oder erleben. Das bedeutet, dass pro Schulklasse ein bis zwei Schüler*innen betroffen sind.

Im Jahr 2018 haben die Allgemeinen Sozialen Dienste der Jugendämter 52 600 Inobhutnahmen vorgenommen. Am häufigsten geschah dies aufgrund einer Überforderung eines oder beider Elternteile. Daneben wurden auch Anzeichen für körperliche und/oder psychische Gewalt sowie für Vernachlässigung als Ursachen für die Schutzmaßnahme verzeichnet (Vgl. Statistisches Bundesamt 2019).

Die Zahlen zu Gewalt gegen Kinder machen deutlich, dass auch trotz gewisser Fortschritte der Kinderschutz in Deutschland Schwachstellen hat und stetig weiterentwickelt werden muss. Im Folgenden sollen wesentliche Impulse für einen verbesserten Schutz von Kindern gesetzt werden.

Prävention und Intervention

Mit der Einführung der Frühen Hilfen wurde ein wichtiger Grundstein für die Prävention im Kinderschutz gelegt. Die Frühen Hilfen richten sich mit ihrem Beratungs- und Unterstützungsangebot insbesondere an (werdende) Eltern und Familien, die sich in unterschiedlichen Belastungssituationen befinden. Die niedrigschwelligen Angebote sollen die Entwicklungsbedingungen von Kindern verbessern und ein gewaltfreies Aufwachsen ermöglichen. Frühe Hilfen sind daher auch Kinderschutzmaßnahmen, da Risiken für das Kindeswohl und die Entwicklung frühzeitig wahrgenommen und ggf. verhindert werden können. Insbesondere mögliche Gefahren wie Überforderung, aber auch hochkonflikthafte Trennungen und Scheidungen, Alkohol- oder Drogenkonsum sowie psychische Erkrankungen eines Elternteils können dadurch rechtzeitig erkannt werden.

Präventionsarbeit geht allerdings über die Arbeit in der Familie hinaus. Es stehen auch stationäre Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe, Schulen, Kitas und Vereine in der Verantwortung, Maßnahmen zum Schutz von Kindern zu ergreifen.

Die verpflichtende Implementierung von Schutzkonzepten in Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe dienen zum einen dazu, Gewalt vorzubeugen, Risiken zu minimieren und Kindern geschützte Räume zu bieten. Zum anderen beinhalten diese Konzepte auch Vereinbarungen und Absprachen, wenn es zu einer Gefährdung des Kindeswohls gekommen ist.

Allerdings ist deren Umsetzung noch nicht flächendeckend in der Praxis erfolgt. Damit solche Schutzkonzepte auch praktische Anwendung finden, benötigen Einrichtungen und Vereine eine intensive fachliche Beratung und Begleitung in der Entwicklung eines solchen Konzepts. Die Entwicklung allein reicht allerdings nicht aus. Mitarbeitende müssen umfassend darin geschult werden, die Inhalte sicher umzusetzen. Dafür müssen finanzielle und zeitliche Ressourcen vom Gesetzgeber bereitgestellt werden. Die Schulungsmaßnahmen könnten auch der Kontrolle dienen, dass die gesetzlichen Vorgaben zeitnah realisiert werden.

Des Weiteren sollte sich die Einführung von Schutzkonzepten nicht nur auf den Bereich der Kinder- und Jugendhilfe beschränken, sondern für eine Vielzahl von Einrichtungen wie Schulen, Jugend- und Freizeitzentren, Vereine, Kirchen, Kinderkrankenhäusern etc., verpflichtend sein.

Schließlich ist die Stärkung von Kindern eine wichtige präventive Aufgabe. Die Aufklärung über ihre Rechte und ihre (sexuelle) Selbstbestimmung muss weiter intensiviert werden. Kinder, die lernen, ihr Unwohlsein angemessen auszudrücken und Nein zu sagen sowie ihre Rechte einzufordern, können sich besser vor (sexuellen) Übergriffen schützen.

Haben Kinder Gewalt erfahren, ist es zwingend notwendig, dass sie Zugang zu adäquaten Hilfen erhalten. Derzeit besteht eine mangelnde Versorgung mit Beratungsstellen, Therapieplätzen und Unterstützungsangeboten für Kinder, insbesondere im ländlichen Raum. Beratungs- und Unterstützungsangebote müssen sich noch stärker an den Bedarfen von Kindern, insbesondere von Kindern mit Behinderung und Kindern mit schlechten oder fehlenden Sprachkenntnissen, ausrichten. Der frühzeitige Zugang zu therapeutischer Versorgung traumatisierter Kinder muss weiter ausgebaut werden. Es braucht starke Strukturen, mit schnellen kindgerechten Hilfen und echten Ansprechpartner*innen für Kinder, die von Gewalt betroffen sind. Je früher Kinder Hilfe erhalten, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Folgen von Gewalt minimiert werden können und ihre weitere Entwicklung positiv beeinflusst werden kann.

Interdisziplinäre Kooperation im Kinderschutz

Die Zusammenarbeit verschiedener Professionen ist für einen wirksamen Kinderschutz unabdingbar. Herausforderungen liegen dabei allerdings in den unterschiedlichen Strukturen und Arbeitsweisen der Akteur*innen. Allzu oft gibt es Schwierigkeiten in der Kommunikation, bei der Informationsweitergabe, bei der Zuständigkeit und Aufgabenverteilung. Dabei stellt eine unzureichende Kooperation im Kinderschutz ein Risiko dar.

Kooperationen entstehen in der Regel allerdings nicht einfach von selbst, sondern müssen aktiv herbeigeführt und gepflegt werden. Hierfür braucht es die Bereitschaft zum gegenseitigen Verstehen (wollen), denn gelingende Kooperation setzt auf Vertrauen, Akzeptanz und Wertschätzung gegenüber der jeweils anderen Disziplin. Alle Mitwirkenden müssen sich als multiprofessionelles Team verstehen. Kooperationen im Kinderschutz beschränken sich dabei nicht nur auf die Kinder- und Jugendhilfe und das Gesundheitssystem. Es sind Fachkräfte aus verschiedenen Fachrichtungen wie Polizei, Kita, Schule und Justiz zu berücksichtigen, um eine professionelle und qualifizierte Einschätzung im Kinderschutz zu erlangen.

Es müssen wirkliche Netzwerke geschaffen werden, in denen gemeinsame Vereinbarungen und verbindliche Verfahrensabläufe festgelegt werden. Hilfreich ist eine einheitliche Definition von Kindeswohlgefährdung, die Festlegung einer gemeinsamen Sprache und von Standards. Kinderschutz darf nicht vom Engagement einzelner abhängig sein, sondern muss von der Verantwortungsgemeinschaft gemeinsam getragen werden.

Für die Umsetzung müssen vom Gesetzgeber adäquate Rahmenbedingungen für alle Akteur*innen geschaffen werden, damit ein regelmäßiger Austausch stattfinden kann. Insgesamt müssen entsprechende Vergütungsregelungen getroffen und zeitliche Ressourcen bereitgestellt werden. Denn Kooperation im Kinderschutz sollte weder an zeitlichen noch an finanziellen Ressourcen scheitern.

Qualifizierung im Kinderschutz

Oftmals haben selbst Fachkräfte Zweifel, Anzeichen für Gewalt eindeutig zu identifizieren. Hinzu kommt eine gewisse Handlungsunsicherheit, welche Schritte bei einem Verdacht eingeleitet werden müssen. Aus diesem Grund müssen Sozialarbeiter*innen, Kita-Fachkräfte, Lehrkräfte, medizinisches Personal und Polizeibeamt*innen darin geschult werden, Gewalt zu erkennen und entsprechende Maßnahmen durchzuführen.

Des Weiteren handelt es sich um eine hochkomplexe Aufgabe, Signale zu deuten und kindliche Aussagen zu verstehen. Dafür braucht es Fachkräfte, die im Umgang mit Kindern ausreichend qualifiziert sind. Es muss Fachwissen vorhanden sein, wie Kinder als Zeugen oder Betroffene von Gewalt altersgerecht befragt werden können. Des Weiteren müssen Kenntnisse über Täter*innenstrategien vorhanden sein sowie Sensibilität für mögliche Abhängigkeits- und Machtverhältnisse – gerade zu den gewaltausübenden Bezugspersonen – in denen sich Kindern befinden können.

Das Thema Kinderschutz muss daher wieder dauerhaft in die Lehrpläne aufgenommen und interdisziplinär an den Universitäten und Hochschulen für Medizin, Lehramt, Jura, Polizei, (Sozial)Pädagogik etc. angeboten werden. Ferner muss dem Kinderschutz einen besonderen Stellenwert in der Aus- und Weiterbildung eingeräumt werden.

Alle Berufsgruppen, die mit und für Kinder arbeiten, müssen in der Lage sein, körperliche, psychische und sexuelle Gewalt sowie Vernachlässigung bei Kindern frühzeitig zu erkennen und entsprechende Schutzmaßnahmen umzusetzen. Dabei sind kindliche Perspektiven, Loyalitätskonflikte, Bedürfnisse und eine altersgerechte Beteiligung der Kinder zu berücksichtigen. 

Beteiligungs- und Beschwerdeverfahren schützen Kinder

Kinder in sie betreffenden Angelegenheiten zu beteiligen und Beschwerdeverfahren zu realisieren, ist bedeutsam für einen aktiven Kinderschutz. In der kontinuierlichen Beteiligung von Kindern bestehen etliche Chancen. In der Kinder- und Jugendhilfe ist Beteiligung z.B. ein entscheidender Faktor für das Ergebnis von Hilfemaßnahmen. Mitbestimmung stärkt Kinder, erzeugt Selbstbewusstsein und hat eine persönlichkeitsbildende Funktion. Erleben Kinder, dass ihre Meinung zählt, sie ernst genommen werden sowie ihre Umwelt aktiv mitgestalten können, erfahren sie Selbstwirksamkeit.

Für Beteiligung von Kindern und Jugendlichen gibt es keine Ausnahmen – weder in Gerichtsverfahren noch in Hilfeprozessen der Kinder- und Jugendhilfe. Für Beteiligung gibt es auch keine Altersgrenzen. Oftmals scheitert es an der Umsetzung, da Konzepte und Fachkompetenz zur Gestaltung von Beteiligung fehlen. Viel zu oft wird Mitbestimmung auch als Zumutung für Kinder gesehen. Dieser wohlgemeinte Schutz von Kindern ist fatal. Kinder werden damit nicht überfordert, sondern vielmehr darin gestärkt, für sich und die eigenen Interessen einzutreten.

Ziel muss daher eine flächendeckende Umsetzung und Stärkung des Beteiligungsrechts für Kinder und Jugendliche sein. Dazu müssen Beteiligungsstrukturen vor Ort, wo der Lebensraum von Kindern ist, verankert werden.

Kinder müssen zudem wissen, an wen und wohin sie sich wenden können, wenn sie Gewalt erfahren haben. Erleben Kinder, dass ihre Hinweise bagatellisiert, negiert oder nicht verfolgt werden, werden sie sich Erwachsenen nicht mehr anvertrauen. Daher muss ihnen entsprechend Raum für Beschwerden und Sorgen gegeben werden und zwar nicht nur in Institutionen der Kinder- und Jugendhilfe, sondern auch in Kita, Schule, Freizeiteinrichtungen etc.

Es bedarf bundesweiter Anlaufstellen für Kinder und Jugendliche, die unabhängig Beschwerden aufnehmen und bearbeiten. Solche Anlaufstellen müssen vor Ort vorhanden sein, niedrigschwellig zugänglich, Beschwerden entgegennehmen und transparent bearbeiten und zwar dauerhaft und unabhängig. Die Kosten für diese Ombudsstellen müssen sichergestellt und deren dauerhafte Einrichtung darf nicht von der Kassenlage der Kommune abhängig sein. 

Mehr Forschung zu Kinderschutzthemen

Um Kinder besser zu schützen, das Hilfesystem zu verbessern und Risiken abzubauen, bedarf es Forschung, in deren Mittelpunkt das Kindeswohl steht und welche an den Grundsätzen der UN-Kinderrechtskonvention nach Schutz, Förderung und Beteiligung ausgerichtet ist.

Die Auswertung der Polizeilichen Kriminalstatistik ist wichtig. Allerdings bleibt das tatsächliche Ausmaß an von Gewalt betroffenen Kindern unbekannt. Daher sollte auch der Dunkelfeldforschung noch mehr Bedeutung zugemessen werden.

Fehlgegangene Hilfefälle müssen stärker untersucht werden, um Handlungsabläufe zu optimieren. Auch zu der Frage, ob es der Kinder- und Jugendhilfe gelingt, Kinder zuverlässig vor Gewalt zu schützen, gibt es kaum Zahlen. Ferner müssen Ursachen von innerfamiliärer Gewalt zum Gegenstand von Forschung gemacht werden. Die daraus entstehenden Erkenntnisse sind als Grundlage einer politischen Steuerung heranzuziehen und tragen letztlich zu einer Effektsteigerung im Kinderschutz bei.

Fazit

Der Schutz von Kindern vor Gefahren für ihr Leben und ihre Entwicklung ist eine Daueraufgabe für Staat und Gesellschaft. Die Weiterentwicklung und Verbesserung von Maßnahmen können daher nie abschließend sein, sondern müssen fortlaufend erfolgen.

Vielfach problematisch ist die Kluft zwischen den gesetzlichen Regelungen und deren Umsetzung in der Praxis durch mangelnde Kompetenzen und Ressourcen. Der Gesetzgeber steht daher in der Verantwortung, für die Maßnahmen zum Schutz von Kindern auch die dafür notwendigen finanziellen, personellen und zeitlichen Mittel bereitzustellen.

Letztlich ist dies eine Frage der Investitionsbereitschaft und der Prioritätensetzung im Haushalt zugunsten eines effektiven und wirksamen Kinderschutzes. Der Staat ist dazu verpflichtet, Rahmenbedingungen für ein gesundes und gewaltfreies Aufwachsen von Kindern zu schaffen. Das bedeutet aber auch, Rahmenbedingungen für diejenigen zu schaffen, die sich tagtäglich für das Wohlergehen der Kinder einsetzen.

Literatur

Deutsche Kinderhilfe e.V. (2016): Praxisleitfaden Kinderschutz in Kita und Grundschule. Die Würde des Kindes ist unantastbar. Carl Link, Köln.

 

Statistisches Bundesamt (2019): Statistiken der Kinder- und Jugendhilfe 2018.

https://www.destatis.de (zuletzt abgerufen am 20.08.2019)  

 

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