Warum wir gendern


Ihr habt/ Sie haben es wahrscheinlich schnell gemerkt: wir benutzen das Gender-*. „Gendern“ ist ziemlich umstritten. Die einen finden es extrem wichtig, die anderen einfach nur nervig und unnötig. Wir sind echte Fans des Gender-* und wollen euch gern kurz erklären, warum.

Bevor wir zu den Gründen unseres Genderns kommen, vorab zwei Erklärungen:

  1. Gender/ sex

Sex als das biologische Geschlecht bedeutet in unserer Gesellschaft eine vermeintlich selbstverständliche Unterscheidung zwischen männlich und weiblich. Im wissenschaftlichen Sprachgebrauch wird gender als Bezeichnung für das soziale Geschlecht und in Abgrenzung dazu sex als biologisches Geschlecht definiert. Mit dem sozialen Geschlecht werden Geschlechterrollen beschrieben, die kein biologisches Phänomen darstellen, sondern einer Person zugeschrieben werden.  Es handelt sich dabei um die Konstruktion von Identitäten, Rollen, Erwartungen und Fähigkeiten, die an das bei der Geburt zugewiesene Geschlecht geknüpft sind. So zum Beispiel, dass es Eigenschaften gibt, die eher männlich oder weiblich sein sollen. Gender stellt diese Zuschreibungen in Frage.

  1. Generisches Maskulinum

Vom generischen Maskulinum wird gesprochen, wenn für Wörter die männliche Form verallgemeinernd benutzt wird. Das bedeutet, wenn von Schülern, Studenten oder Politikern gesprochen wird, sind auch die nicht-männlichen Personen der jeweiligen Gruppe bzw. alle anderen „mitgemeint“.


Gendern- warum?

Das Ziel beim gendern ist es, Sprache gerechter zu machen, indem auch nicht-männliche Personen sichtbar werden.

Wie gendert man/frau/divers/…Mensch ;-) eigentlich richtig?

Es gibt ganz verschiedene Möglichkeiten, zu gendern:

Mit dem Sternchen * werden neben der weiblichen und männlichen Form auch Menschen, die sich weder dem männlichen noch dem weiblichen Geschlecht zuordnen möchten oder können, explizit angesprochen; genauso beim Unterstrich _  oder beim Doppelpunkt : .

Mit dem Schrägstrich / und dem Binnen-I „I“   werden Frauen und Männer direkt angesprochen, dass ist schon mal mehr, als beim generischen Maskulinum,  allerdings werden alle anderen Identitäten nicht mitgenannt.

Wer all das nicht mag kann auch auf Geschlechtsneutrale Begriffe wie Studierende und Fachkräfte zurückgreifen. Auch damit sind alle Geschlechter gemeint. Das ist nicht nur inklusiver, sondern oft auch verständlicher als die binäre Form (auch Paarform oder Doppelform), also beispielsweise Dozentinnen und Dozenten, durch die Texte lang werden können und alle anderen Identitäten nicht umfasst.

Und warum gendern wir bei KindgeRECHT?

Wir gendern aus einer Vielzahl von Gründen, hier eine kleine Auswahl

  1. Männlich ist nicht neutral

Zahlreiche Studien beweisen, dass sich vom generischen Maskulinum nicht alle Menschen angesprochen fühlen. In den Untersuchungen wurde festgestellt, dass Menschen – wenn sie die Bezeichnungen Bäcker oder Elektriker hören, diese eher mit männlichen Personen assoziieren. Bei Kindern[1] wurde sogar festgestellt, dass die Nutzung des generischen Maskulinums dazu führt, dass sie zum Beispiel bei der Wahrnehmung ihrer Berufswahlmöglichkeiten eingeschränkt werden, während gegenderte Sprache ihre subjektiven Wahlmöglichkeiten erweitert. Zwar wird oft vertreten, Frau seien doch mitgemeint, aber unterbewusst entsteht doch eine ganz andere Wahrnehmung. Und warum können Frauen und andere Identitäten nicht einfach auch angesprochen werden, wenn sie doch gemeint sind? Wie ihr seht, Sprache ist wichtig und verändert das Denken.

  1. (k)eine Angst vorm Weiblichen?

Und apropos „mitgemeint“: Im Jahr 2020 legte das Bundesministerium der Justiz einen Gesetzesentwurf zum Sanierungs- und Insolvenzrecht[2] vor. Anders als üblich verwendete das Ministerium in diesem Fall das generische Femininum statt des generischen Maskulinums. Statt Geschäftsführer hieß es dort also Geschäftsführerin oder Verbraucherin statt des üblichen Verbrauchers.  Das Innenministerium stoppte den Entwurf noch bevor dieser dem Bundeskabinett auch nur vorgelegt wurde und zwar mit der Begründung, dass ein Gesetzentwurf "in ausschließlich weiblicher Begriffsform" rechtlich gesehen möglicherweise nur für Frauen gelte. Das ist doch interessant, denn Männer waren doch schließlich mitgemeint…

  1. Aufbrechen veralteter Hierarchien

Das generische Maskulinum stammt aus einer Zeit, in der Männer weit mehr Rechte hatten als Frauen, ja Frauen in der Gesellschaft sogar noch ziemlich unsichtbar waren. An andere Geschlechter als das Männliche und das Weibliche haben da die meisten noch überhaupt gar nicht gedacht.  Vieles hat sich seither verändert und so wie alte Hierarchien irgendwann aufgebrochen und ersetzt werden, so brechen auch an eine überholte Hierarchie angepasste Sprachmuster auf.

  1. Gendern schließt niemanden aus

Gendern schließt niemanden aus, denn es erkennt auch nach außen sicht- und hörbar nicht nur männlich und weiblich an, sondern auch alle Identitätsformen, welche dazwischen oder ringsherum existieren.

  1. Gleichberechtigung ist ein Grundrecht

Im Grundgesetz und im Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz ist geregelt, dass Männer und Frauen gleichberechtigt sind und niemand wegen seines Geschlechts benachteiligt werden darf. Seit es die dritte Geschlechtsoption „divers“ gibt, ist gesetzlich anerkannt, dass es mehr als zwei Geschlechter gibt. Das haben aber weder die aktuellen Gesetzgeber, noch Gender-Fans erfunden. Selbst 4000 Jahre alte Überlieferungen aus dem heutigen Irak zeigen, dass sich Menschen schon damals auch einem dritten Geschlecht zuordneten.

  1. Grammatikalisch falsch?

Ein Gegenargument gegen das gendern ist, dass die gegenderten Formen manchmal grammatikalisch falsch wären. Zum Beispiel könnten aus Franzosen und Französinnen nicht Franzos*innen oder Französ*innen werden. Müssen sie aber auch nicht. Gendern hat das Ziel, Sprache gerecht zu machen, nicht so viele Sternchen wie möglich einzufügen. Hier könnten wir als beispielsweise von Menschen aus Frankreich sprechen.

  1. gendern nervt? Kein Argument.

Immer wieder heißt es: gendern nervt und klingt furchtbar. Aber ist das ein Argument? Menschenrechte haben auch genervt, nerven manche vielleicht immer noch- macht sie das aber weniger wertvoll und wichtig? Ja, gendern ist ungewohnt und manchmal liest sich ein Text vielleicht auch schwieriger. Das ist doch aber vor allem so, weil wir an etwas anderes gewöhnt sind und von Gewohnheiten, die ja auch Sicherheit geben, ungern abweichen. Bedenken wir aber die Folgen und Chancen, könnte das doch Motivation für ein klein wenig Flexibilität sein.

  1. Wir haben doch echt andere Probleme.

Haben wir. Jede Menge sogar. Aber zum Glück können wir alle Multitasking und uns mit mehr als einem Problem dieser Welt beschäftigen. Und die Einschätzung, wie dringend ein Problem oder wie wichtig eine Lösung ist, sollte vielleicht besser jenen überlassen bleiben, die davon betroffen sind, als jenen, die davon profitieren. Ohne eigene negative Erlebnisse fühlen sich Probleme oft kleiner an, als sie für andere sind.

Fazit

Wir leben in einem der freisten Länder der Welt, jede*r darf hier so ziemlich alles sagen, was er/sie/es/divers…Mensch ;-) will und das ist auch gut so. Wir sind vom gendern überzeugt, zum einen, weil es so viele gute Argumente dafür gibt, zum anderen, weil durch das gendern niemandem geschadet wird. Gendern nimmt auch der Sprache nichts weg, sondern erweitert sie und macht sie so authentisch, bunt und wunderbar wie die Gesellschaft und das Leben selbst. Probierts doch mal aus.

[1] Vervecken, D., & Hannover, B. (2015). Yes I can! Effects of gender fair job descriptions on children’s perceptions of job status, job difficulty, and vocational self-efficacy. Social Psychology, 46, 76-92

[2] https://www.tagesschau.de/inland/insolvenzrecht-generisches-maskulinum-101.html

 


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